Garten des Gedenkens

Der Entwurf begreift die Gedenkstätte als öffentlichen Garten, einen »Garten des Gedenkens«. Es soll ein bedeutungsvoller, emotionaler Ort entstehen, ein Ort, der seine derzeitige Beiläufigkeit verliert.

Der Gedenkort will sich nicht verstecken, er dringt in die Stadt und setzt ein unübersehbares Zeichen im steinernen, von Geschwindigkeit geprägten Umfeld. Das Bauwerk soll jedoch nicht nur erinnern und mahnen, sondern andererseits – auf ausdrücklichen Wunsch der jüdischen Gemeinde – auch einen Ort des alltäglichen Lebens, einen attraktiven Freiraum mit Aufenthaltsqualität ausbilden.

Der Besucher, der die Universitätsstraße entlanggeht, stößt plötzlich auf eine Aufweitung des Fußweges, einen langgestreckten Platz aus dunklem Basaltpflaster. Ein Foto der ehemaligen Synagoge ist auf die Glasscheiben der benachbarten Bushaltestelle aufgedruckt und gibt einen ersten Hinweis auf die historische Bedeutung dieses Areals. An den Vorplatz schließt eine Grünfläche, ein öffentlicher Garten an. Er ist flächig mit Rosen bepflanzt – im antiken Jerusalem war die Rose die einzige Blume, die innerhalb der Stadtmauern gepflanzt werden durfte. Das Zentrum des Ortes bildet ein skulpturaler Rahmen aus weißem Beton, der wie eine Galerie eine Rasenfläche und einen Baum umschließt. Nach außen zeigt er sich in Gestalt eines Parallelogramms. Nach innen formt der Rahmen indessen ein Quadrat aus, das den ehemaligen Versammlungsraum der Synagoge exakt nachzeichnet. Über eine schmale Treppe wird man auf das Podest geleitet und stößt auf eine Glasplatte im Boden, die einen Blick in das Innere der Erde ermöglicht. Man erkennt, dass sich im Untergrund noch Relikte der Synagoge verbergen: Die Öffnung liegt direkt über der gut erhaltenen Mikwe, die in jüngster Zeit ausgegraben wurde. Die Augen wenden sich nun der quadratischen Rasenfläche zu, welche leicht vertieft das Zentrum der Anlage darstellt. Eine alte Linde spenden hier Schatten, der Ort strahlt Ruhe aus. Im Gras unter den Bäumen steht der Gedenkstein aus dem Jahr 1963. Ansonsten ist der Ort leer – fast leer, denn in den Rasen sind Glaskästen eingelassen, darin befinden sich Zettel, bedruckt mit großen, klaren Lettern. Man setzt sich auf die Stufe, die der Rahmen zur Rasenfläche aufweist, und beginnt zu lesen ...

Ergänzend zum gebauten Ort erläutert die homepage "Garten des Gedenkens" die Geschichte der ehemaligen Synagoge in Marburg sowie die Intention der künstlerischen Gestaltung der "Zettelkästen"

 

Freiraumplanung LP 1 - 9 zur Gestaltung des Standortes der ehemaligen Synagoge in Marburg

Bauherr: Stadt Marburg – Fachbereich Planen, Bauen, Umwelt; Bausumme: 720.000 €; Flächengröße: 1.370 qm; Wettbewerb: 1. Preis 2009; Fertigstellung: Juni 2013

Kunst "Zettelkästen": Oliver Gather, Christian Ahlborn; Fotografien: Gereon Holtschneider

Projektleitung: Prof. Rainer Sachse; Mitarbeit: Kerstin Gehring, Johannes Middendorf

Adresse: Universitätsstraße 13, 35037 Marburg